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Donnerstag, 9. Juli 2009

Storybook zu "Die Wellen" - Dritter Teil


Die Sonne ging auf. Gelbe und grüne Streifen fiele auf den Strand, vergoldeten die Rippen des ausgenagten Bootes und überzogen die Seedistel und ihre gepanzerten Blätter mit stahlblauem Glanz. Das Licht durchstach nahezu die zarten flinken Wellen, die fächerförmig über den Strand jagten.
Das Mädchen, das seinen Kopf geschüttelt hatte, so dass all die Juwelen, der Topaz, der Aquamarin, die wasserfarbenen feuerfunkelnden Juwelen tanzten, entblößte jetzt ihre Stirn und trieb mit weitoffenen Augen einen schnurgeraden Pfad über die Wellen. Deren zitterndes Makrelenglitzern verdunkelte sich; sie ballten sich zusammen; ihre grünen Höhlungen vertieften und verdunkelten sich und ließen gar wandernde Fischschwärme hindurchziehen. Beim Hinklatschen und Zurückweichen hinterließen die Wellen einen schwarzen Rand kleiner Zweige und Korkstücke auf dem Strand und Strohhalme und Hölzchen, als wäre eine leichte Schaluppe gestrandet und auseinandergeborsten, und der Matrose wäre an Land geschwommen und die Klippe hinaufgestürzt und hätte es seiner zerbrechlichen Ladung überlassen, an Land geschwemmt zu werden.

Im Garten sangen die Vögel, die im Morgengrauen ziellos und vereinzelt auf diesem Baum, auf jenem Busch gesungen hatten, jetzt gemeinsam im Chor, schrill und scharf; mal sangen sie gemeinsam, als wäre sich einer des anderen bewusst, mal allein, wie für den blassblauen Himmel. Sie schwenkten in einem einzigen Schwarm davon, wenn die schwarze Katze sich durch das Gebüsch stahl, wenn die Köchin Glut auf den Aschenhaufen kippte und sie erschreckte. Es war Angst in ihrem Lied, und eine Ahnung von Schmerz, und Freude, die es zu packen galt, jetzt, in diesem Augenblick. Auch wetteifernd sangen sie in der klaren Morgenluft, hoch über den Ulmen schwenkend, sangen zusammen, während sie einander jagten, flohen, verfolgten, nacheinander pickten, wenn sie hoch in der Luft kreisten. Und dann, müde der Verfolgung und Flucht, kamen sie liebreizend herab, ließen sich behutsam sinken, fassten Fuß und saßen still auf dem Baum, auf der Mauer, mit glänzenden Augen spähend, den Kopf mal hierher, mal dorthin gewendet; achtsam, wachsam; die Aufmerksamkeit gespannt auf ein Ding, einen bestimmten Gegenstand gerichtet.

Vielleicht war das ein Schneckenhaus, das sich im Gras wie ein grauer Dom erhob, ein schwellendes Gebäude mit eingebrannten dunklen Ringen und grün beschattet vom Gras. Oder vielleicht sahen sie die Blumenglorie ein Licht von fließendem Purpur über die Beete breiten, durch welches dunkle Tunnel aus Purpurschatten zwischen die Stängel getrieben wurden. Oder sie hefteten den Blick auf die kleinen Apfelblätter, die tänzelnd und doch zurückgehalten, steif zwischen den rosa Blütenspitzen blitzten. Oder sie sahen den Regentropfen an der Hecke, der hing, aber nicht fiel, mit einem ganzen gekrümmten Haus darin und hoch emporragenden Ulmen; oder ihre Augen wurden, wenn sie gerade in die Sonne schauten, goldene Perlen.
Hierhin blickend, dorthin blickend, spähten sie jetzt tiefer, unter die Blumen, die dunklen Alleen entlang in die unbeleuchtete Welt hinab, wo das Blatt modert und die Blüte abgefallen ist. Dann schoss einer von ihnen herrlich hinab, traf haargenau und spießte den weichen, monströsen Körper des schutzlosen Wurmes auf, pickte nochmal und noch einmal und ließ ihn liegen und schwären. Dort unten zwischen den Wurzeln, wo die Blüten verwesten, stiegen Schwaden toter Gerüche auf; Tropfen bildeten sich an den gedunsenen Wänden geschwollener Dinge. Die Haut fauler Früchte platzte, und eine träge Masse sickerte stockend hervor. Gelbe Ausscheidungen wurden von den Schnecken ausgeschwitzt, und dann und wann wankte ein formloser Körper mit einem Kopf an jedem Ende langsam von einer Seite zur anderen. Die goldäugigen Vögel, die zwischen den Blättern hineinschossen, beobachteten spöttisch diesen Eiter, diese Feuchte. Dann und wann stießen sie ihre Schnabelspitzen wild in die klebrige Masse.

Montag, 6. Juli 2009

Storybook zu "Die Wellen" - Vierter Teil

Jetzt kam die aufgehende Sonne auch zum Fenster herein, berührte den rotrandigen Vorhang und begann, Kreise und Linien nachzuziehen. Jetzt, im zunehmenden Licht, sammelte sich ihr Weiß auf dem Teller; die Messerklinge bündelte ihren Glanz.
Stühle und Schränke türmten sich so dahinter auf, dass sie, wiewohl jeder für sich stehend, doch unauflöslich ineinander verschachtelt schienen. Der Spiegel weißte seine Lache an der Wand.
Der echten Blume auf dem Fensterbrett stand eine Geisterblume zur Seite. Doch war der Geist Teil der Blume, denn wenn eine Blüte aufging, öffnete die blassere Blume in der Scheibe auch eine Blüte.

Der Wind kam auf. Die Wellen trommelten ans Ufer, wie Krieger mit Turbanen, wie Männer mit Turbanen und vergifteten Wurfspießen, die, ihre Waffen hoch durch die Luft wirbelnd, auf die grasenden Herden losstürmen, auf die weißen Schafe.

Sonntag, 8. März 2009

Storybook zu "Die Wellen" - Zweiter Teil

Ich habe nun endlich den zweiten Block für meinen Storybookquilt zu "Die Wellen" von Virginia Woolf fertig. Leider kann man auf den Fotos die Blüten in der rechten Ecke nicht richtig erkennen.


Dieser Block bezieht sich auf die folgende Textpassage:

Die Sonne stieg höher. Blaue Wellen, grüne Wellen wischten mit einem raschen Fächer über den Strand, umkreisten den Spross der Stranddistel und hinterließen flache Lichtpfützen hier und dort auf dem Sand. Ein feiner schwarzer Rand blieb zurück. Die Felsen, die dunstig und weich gewesen waren, erstarrten und wurden von roten Kerben durchzogen.

Scharfe Schattenstreifen lagen auf dem Gras, und der Tau, der auf den Spitzen der Blumen und Blätter tanzte, machte aus dem Garten ein Mosaik von einzelnen Funken, die noch nicht zu einem Ganzen zusammengeschlossen waren.
Die Vögel, mit kanariengelb und rosa gesprenkelter Brust, sangen nun ein oder zwei Tonfolgen zusammen, wild, wie Schlittschuhläufer Arm in Arm dahertollend, und waren plötzlich still, stoben auseinander.

Die Sonne legte breitere Bänder über das Haus. Das Licht berührte etwas Grünes in der Fensterecke und machte daraus einen Smaragdbrocken, eine Höhle reinen Grüns, wie eine kernlose Frucht. Es verschärfte die Konturen der Stühle und Tische und wirkte in weiße Tischtücher feine Goldfäden.

Als das Licht zunahm, platzte hier und da eine Knospe und schüttelte Blüten hervor, grüngeädert und bebend, als hätte die Anstrengung des Aufgehens sie ins Schaukeln versetzt, und ein feines Glockenspiel ertönte, wie sie mit ihren zarten Klöppeln gegen ihre weißen Wände schlugen.

Alles wurde sanft und formlos, als zerrönne das Porzellan des Tellers und der Stahl des Messers wäre flüssig. Derweil traf der Anprall der brechenden Wellen mit dumpfem Aufschlag, wie von stürzenden Stämmen, den Strand.

aus Virginia Woolf, Die Wellen











Sonntag, 18. Januar 2009

Storybook zu "Die Wellen"

Der Januarblock für meinen Storybook-Wandbehang ist nun so gut wie fertig.


Er ist zu meinem Lieblingsbuch "Die Wellen" von Virginia Woolf. Die einzelnen Blöcke beziehen sich auf die Zwischenspiele im Buch. Ich kann mich an dem wunderbaren Klang der Worte einfach nicht sattlesen.
Das Foto ist leider nicht gut geworden. Irgendwie bekomme ich das mit Digitalkameras nie so richtig hin. Aber bei meiner analogen Spiegelreflex dauert es über eine Woche, bis ich ein Bild für den Computer habe.




Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Meer und Himmel ließen sich nicht unterscheiden, nur dass das Meer leicht gefältelt war wie ein zerknittertes Tuch. Allmählich, während der Himmel weiß wurde, erstreckte sich eine dunkle Linie am Horizont, die das Meer vom Himmel trennte, und das graue Tuch wurde von dicken Streifen durchzogen, die sich, einer nach dem anderen, unter der Oberfläche bewegten, einander folgend, einander jagend, immerzu.
Sowie sie sich der Küste näherten, hob sich ein Streifen nach dem anderen, schob sich hoch, brach und wischte einen dünnen Schleier weißen Wassers über den Sand. Die Welle hielt inne und zog sich dann wieder zurück, seufzend wie ein Schlafender, dessen Atem unbewusst kommt und geht. Allmählich wurde der dunkle Streif am Horizont klar, als hätte sich die Ablagerung in einer alten Weinflasche gesetzt und das Glas erschiene wieder grün. Dahinter klärte sich auch der Himmel, als hätte sich dort die weiße Ablagerung gesetzt, oder als höbe der Arm einer Frau, die hinterm Horizont ruhte, eine Lampe in die Höhe, und nun breiteten sich flache Streifen von Weiß, Grün und Gelb über den Himmel aus wie die Finger eines Fächers. Dann hob sie ihre Lampe höher, und die Luft schien auszufasern und sich von der grünen Oberfläche zu lösen, sie flackerte und flammte in roten und gelben Fasern wie rauchendes Feuer, das aus einem Freudenfeuer aufprasselt. Allmählich verschmolzen die Fasern des brennenden Freudenfeuers zu einem einzigen Dunst, einem weißen Glast, der das Gewicht des wollnen grauen Himmels emporhob und in eine Million hellblauer Atome verwandelte. Die Meeresoberfläche wurde langsam transparent und lag gekräuselt und glitzernd da, bis die dunklen Striche nahezu weggewischt waren. Langsam hob der Arm, der die Lampe hielt, sie höher und dann noch höher, bis eine breite Flamme sichtbar wurde; ein Feuerbogen loderte am Rande des Horizontes, und rund um ihn her lohte das Meer golden.


Das Licht traf die Bäume im Garten, machte erst ein Blatt transparent und dann ein zweites. Ein Vogel zwitscherte hoch oben; es gab eine Pause; ein anderer zwitscherte weiter unten. Die Sonne hob die Mauern des Hauses scharf hervor und ruhte wie die Spitze eines Fächers auf einem weißen Rouleau und machte einen blauen Schattenfingerabdruck unter das Blatt am Schlafzimmerfenster. Das Rouleau bewegte sich leicht, doch drinnen war alles gedämpft und gestaltlos. Die Vögel sangen draußen ihre ungereimte Melodie.
(Die Wellen, Virginia Woolf)